13. Forum Junge Heine Forschung am 11. Dezember 2010
Neue Arbeiten über Heinrich Heine. Vorträge und Diskussionen

 

Konzeption und Moderation: Dr. Karin Füllner und Holger Ehlert M.A.

 

Eugen Wenzel (Paderborn)
Heinrich Heine – der Prophet und Messias einer neuen Religion

Heinrich Heine verstand sein politisches Programm als ein Evangelium und sah sich selbst in der Rolle eines "Frohen Botschafters". Was sind die Gründe für die Entwicklung seines prophetisch-messianischen Selbstverständnisses? War das 19. Jh. vielleicht ein Säkulum selbsternannter Erlöser oder bildet Heine eine besondere Ausnahmeerscheinung? Was für eine Entwicklung nahm sein Selbstverständnis und behielt er sein Sendungsbewusstsein bis zum Lebensende bei oder brach er ohnmächtig vor den unerbittlichen Fakten der Revolutionsjahre 1848/49 zusammen? Der Vortrag bietet Antworten auf diese Fragen und zeichnet dadurch das Bildnis eines „Ritters von dem heil’gen Geist“.

Eugen Wenzel, geboren 1984, studierte Germanistik, Philosophie und Latein in Göttingen. Zur Zeit Promotion bei Prof. Dr. Norbert Otto Eke und Prof. Dr. Joseph A. Kruse zum Thema "Ein neues Lied? Ein besseres Lied? Die neuen Evangelien nach Heine, Wagner und Nietzsche". Stipendiat der Graduiertenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.


Yael Kupferberg (Berlin)
Der "schamlose" Dichter – Zur Rezeption des Witzes Heines

„Witz“ gilt als Signum der poetischen Sprache Heines. Gleichwohl wurde dieser Witz von der zeitgenössischen und späteren Literaturkritik zum Anlass genommen, sein Oeuvre als Notzüchtigung“, als „frivol“ und endlich als „jüdisch“ abzuwerten – und ihm damit den Rang als „deutscher Dichter“ abzusprechen. Unter Berücksichtigung sowohl psychoanalytischer Arbeiten als auch sprachphilosophischer Konzepte der deutschen Romantik skizziert der Vortrag das komplexe Phänomen „Witz“ und widmet sich der rezeptiven Abwehr. Das Ergebnis: In der Abwertung des Witzes bringt sich die poetische Sprache um ihre eigene zivilisatorische Leistung. Mehr noch: Die abwehrende Rezeption des Witzes offenbart einen umfassenden Ausgrenzungsdiskurs, der antijüdische Ressentiments ins Ästhetische übersetzt - ideologisch, politisch und religiös.

Dr. des. Yael Kupferberg, geb. 1978 in Berlin, Studium der Neueren deutschen Literatur und Jüdischen Studien in Berlin und Potsdam, akademische Auslandsaufenthalte an der Universität Tel Aviv und University of Pennsylvania. Promotion 2010 an der FU Berlin mit einer Arbeit über „Dimensionen des Witzes um Heinrich Heine – Zur Säkularisation der poetischen Sprache“.


Sarah Borgmann (Bonn)
"Als Leichengöttin erscheinst du mir, Venus Libitina!"
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Tod, Weiblichkeit und Ästhetik in Heines „Florentinischen Nächten“
In den „Florentinischen Nächten“ lässt Heinrich Heine zwischen belebten und unbelebten Frauenfiguren ein Spannungsfeld entstehen, in dem sich der Protagonist Maximilian bewegt. Seine Leidenschaft für versteinerte, todkranke oder gar nur geträumte Frauen offenbart die psychopathologischen Folgen des romantischen, spiritualistischen Zeitgeistes und stellt sich als implizite ästhetische Positionierung Heines heraus. Gegen das „todte Scheinwesen der alten Kunst“, das auch die Literatur der „Kunstperiode“ mit einschließt, wird über die Figur der Tänzerin Laurence die Hoffnung auf eine neue Kunst eingeführt. Diese lässt allerdings das Alte nicht gänzlich hinter sich, sondern nimmt es als Teil des kulturellen Gedächtnisses in sich auf.

Sarah Borgmann, geboren 1987 in Berlin. Studium der Neueren deutschen Literaturwissenschaft, Deutschen Sprache und älteren deutschen Literaturwissenschaft und Philosophie in Bonn, Magisterexamen November 2010.


Janina Schmiedel M. A. (Hannover)
Synthesemomente in Heinrich Heines lyrischem Fragment Jehuda ben Halevy

Die Autoren des Jungen Deutschland verstanden unter dem Einswerden von ‚Kunst und Leben’ noch vornehmlich das Kunstwerden politischer Inhalte bzw. ein thematisches Hineinwirken des Lebenswirklichen in die Dichtung und eine Rückwirkung der in der Dichtung zum Ausdruck gebrachten Gesinnung wiederum auf den Rezipienten. Die Vorstellung einer beiden Aspekten gerecht werdenden Verbindung von Kunst und Leben entwickelte sich bei Heine in den 30er und 40er Jahren zu einem alternativen – insbesondere in den 60er und 70er Jahren des 20. Jh. häufig missverstandenen – Konzept einer Synthese, das weniger das Kunstwerden des Wirklichen, als vielmehr das Lebendigwerden der Kunst vorsah. Wie ist ein solches ‚Lebendigwerden der Kunst‘ zu verstehen und wie wird es von Heine poetisch umgesetzt? Diesen Fragen widmet sich meine Untersuchung des Gedichts Jehuda ben Halevy.

Janina Schmiedel, geboren 1982 in Hannover. Studium der Deutschen Literaturwissenschaft und Philosophie an der Universität Hannover. Derzeit: Promotion an der Universität Paderborn (Poetologische Untersuchung der Zeitgedichte und Versepen Heinrich Heines).

 

Annie Falk (New York)
"O Gott! Was ich gerochen!" oder Heines jüdische Nase

Der Geruchssinn bildet eine wichtige Kategorie der sinnlichen Wahrnehmung in Heines Werken. Gegen den Strich der klassischen Ästhetik des späten 18. Jahrhunderts und im Gegensatz zur rationalistischen Philosophie der Aufklärung setzt sich der Dichter immer wieder für Erkenntnisse ein, die durch körperliche Empfindungen ausgelöst und gewonnen werden. Insbesondere die Nase wird von Heine als untrüglicher Diagnostiker des Wahren und des Falschen hochgeschätzt. Es stellt sich aber heraus, dass das, was normativ als wohlriechend gilt, von Heine immer wieder als stinkend wahrgenommen wird. Auch umgekehrt kommen als auffällige Beispiele des Wohlriechenden ausgerechnet die Aromen der jüdischen Küche, die seit Jahrhunderten als abstoßend verspottet und verschrien werden, am häufigsten vor. Ziel des Vortrags ist zu untersuchen, welche Wahrheiten ausgeschnüffelt werden, wenn Heine sozusagen seiner Nase nachgeht, und welchen Motivationen seine Sensibilität, was den Geruch betrifft, zuzuschreiben ist.

Annie Falk, geboren 1978 in New York. Studium der Geschichte an der Brown University, Rhode Island. Zur Zeit Promotion an der Columbia University, New York über die jüdische Tafel in der deutschen und deutsch-jüdischen Literatur.